Sex, Drugs & Storytelling

Kann man Fernsehserien erforschen ohne Serienjunkie zu sein?

 

Man muss seinen Gegenstand genau kennen, um ihn untersuchen zu können. Dementsprechend habe ich vermutlich mehr Serien gesehen als Sie und Ihre Redaktion zusammen. Aber genau wie eine Biotechnologin nicht ihre Proben im eigenen Bett züchtet, verbringe ich nicht meine gesamte Freizeit vor der Flimmerkiste. Seriöse Forschung braucht auch eine gewisse Distanz zu Ihrem Gegenstand.

 

Woher kommt überhaupt der Suchtfaktor von Fernsehserien?

 

Serielles Erzählen ist Teil unserer Kultur und unseres Alltags. Moderne Fernsehserien spinnen ihre Handlungsstränge von Episode zu Episode fort. Wir Zuschauer wollen daher wissen, was als nächstes geschieht, und schalten immer wieder ein. Ich würde behaupten, wenn ein Rezipient das Serienthema und die Figuren halbwegs sympathisch findet und fünf Folgen am Stück schaut, will er wissen, wie die Geschichte ausgeht.

 

Warum kommen die meisten Serien eigentlich aus den USA?

 

Die Ausstrahlung von US-amerikanischen Serien im deutschen Fernsehprogramm hat eine lange Tradition. Für Eigenproduktionen fehlten den deutschen Sendern zu Beginn ohnehin meist die Ressourcen. So wurden vor allem US-amerikanische Serien eingekauft und erste wiederkehrende Programmplätze geschaffen. Dadurch verfestigen sich auch Rezeptionsmuster. Wir sind gewöhnt an das Sehen von US-amerikanischen Städten, Schauspielern und Gesellschaftsthemen, ohne das weiter zu hinterfragen.

 

Ist es noch zeitgemäß, dass amerikanische Serien in Deutschland erst Jahre später auf den Markt kommen? Werden die Fans damit nicht zum Raubkopieren genötigt?

 

Genau genommen schaffen es Serien, die in den USA laufen, manchmal gar nicht bei uns ins Fernsehprogramm. Das liegt unter anderem daran, dass Serien in Deutschland immer noch in Paketen eingekauft und synchronisiert werden. Die deutschen Vermarkter wägen also ab, welche Serie kommerziell vielversprechend laufen wird, bevor sie das Geld für die Synchronisation in die Hand nehmen. Wenn man als Fan ein alternatives Serienangebot will und dabei nicht „ewig“ auf die Ausstrahlung warten möchte, gibt es derzeit leider kaum legale Wege.

 

Gäbe es denn die Bereitschaft für hochwertige Serien zu bezahlen?

 

Die Vermarkter müssen das richtige Gleichgewicht finden zwischen der Lust der Rezipienten nach neuer Serienkost, der Angst vor Strafen nach illegalem Download und der Unlust zu viel für das serielle Vergnügen zahlen zu müssen. Dann kann man auch jenseits des klassischen Bezahlmodells durch Werbung im Fernsehen, Geld mit Serien online machen.

 

Was bedeutet das aber nun für eine Fernsehserienindustrie, die sich zu großen Teilen über Werbeeinnahmen finanziert?

 

Finanzierung von Serien durch „klassische“ Fernsehwerbung wird in Zukunft in ihrer jetzigen Form nicht ausreichen, um die Serienproduktion weiter zu finanzieren. Was daran liegt, dass Serienzuschauer zunehmend das Fernsehen als Rezeptionsmedium meiden und Werbetreibende weniger für Werbespots im Fernsehen bezahlen werden. Eine Möglichkeit dem zu begegnen wäre, die Kosten für die Produktion serieller Formate zu senken, indem man lediglich billig produziertes Programm, wie beispielsweise Reality-TV Formate, liefert. Eine logischere Alternative – angesichts des regen Interesses an Serien und der Einnahmen, die sich derzeit mit DVD- und Merchandise-Verkäufen zu Serien erzielen lassen – wären Vermarktungsstrategien, die insbesondere die online-affinen Serienrezipienten besser ansprechen.

 

Game of Thrones gilt als eine solche qualitativ hochwertige Serie, die so auch im Kino laufen könnte. Werden Serien immer professioneller?

 

Allein die Tatsache, dass durch technische Innovationen die Produktion von Serien immer „leichter von der Hand geht“, macht ganz andere Formate und Inhalte möglich als noch vor 20 Jahren. Neben solchen technischen Aspekten der Herstellung spielen aber auch gesellschaftliche Wandlungsprozesse eine Rolle. Früher galten Serien in Deutschland als „billige Popkultur“. Das „Produkt Serie“ sollte so solide gemacht sein, dass es viele Zuschauer erreicht und damit hohe Werbeminutenpreise einspielt. Heute sind Serien zwar auch noch Waren. Die Produzenten und Vermarkter haben aber verstanden, dass sie das verwöhnte Publikum mit neuen Ideen und innovativen Serienkonzepten begeistern müssen, um weiterhin ihre Produkte absetzen zu können.

 

Wo geht die Entwicklung hin?

 

Formal wird sich noch einiges tun. Die Online-Rezeption von Serien wird deutlich ansteigen. IP-TV und Web-TV sind mittlerweile sowohl technisch als auch finanziell für eine große Gruppe von Zuschauern nutzbar.

 

Inhaltlich kann man das Rad nicht wirklich neu erfinden. Tabubrüche lassen sich nur begrenzt weitertreiben. So werden wir auch in Zukunft immer wieder zwischenmenschliche Beziehungen und Themen wie Liebe, Neid, Hass, Gier und Angst in immer neuen Konstellationen und an immer neuen Handlungsorten präsentiert bekommen

 

Dr. Annekatrin Bock hat über die Produktion, Vermarktung und Rezeption  von Fernsehserien promoviert. Die Medienwissenschaftlerin lehrt und forscht am Institut für Sozialwissenschaften der TU.

Fotos: HBO, Showtime Networks Inc., Holger Isermann#