Das kultige Quartier Friedrich-Wilhelm hat ein Problem: Die Leerstände. Und das trotz vieler Passanten, die hier die Möglichkeit haben zum Friseur, zum Optiker, in eines der vielen Restaurants, Spielotheken, Diskotheken oder Kneipen zu gehen.

 

Doch wie kann ein Raum mit Leben gefüllt werden, wenn es an Startkapital fehlt?
Eine interessante Antwort darauf lautet Zwischennutzung. Diesen Begriff haben die beiden Kommunikationsdesignerinnen Sina Pardylla und Marie Schröter aufgegriffen und initiierten im Rahmen ihrer Masterarbeit das Projekt >Ein Laden<.

 

Die dreckige Fensterscheibe, die mit einer halb abgefallenen Plastikfolie den Laden bedeckte,  ist nun weg und gewährt einen Blick in das Innere des Raumes. Davor ein Schild „Die Erinnerungsverwaltungsstelle braucht Dich und deine Vorschläge!“

 

Schon zum Studiumsbeginn haben sich die beiden Designerinnen mit dem urbanen Raum und den Brachflächen beschäftigt. Somit war es für die beiden klar, dass sich ihre Masterarbeit auch dieser Thematik widmen sollte.

 

Lange suchen mussten sie nicht, denn Braunschweig hat viele Leerstände. Die Lage und die besondere Atmosphäre des Kultviertels hatte sie sehr inspiriert und somit wurde der leere Raum in der Friedrich-Wilhelm-Straße 47 ins Visier genommen.
Im Mai stellten Sina Pardylla und Marie Schröter ihr Konzept dem Stadtmarketing Braunschweig vor. „Die Idee der Zwischennutzung ist, dass man Räume wieder öffnet und sich dadurch potentielle, neue Mieter finden“, sagt Sina Pardylla.

Das Stadtmarketing war von dieser Idee sofort begeistert  und unterstützte die beiden bei ihrem Projekt, indem sie die Nebenkosten übernahmen. Auch der Vermieter des leerstehenden Raumes musste nicht lange überredet werden und verzichtete auf die Miete.

 

Nach dem Projekt soll aus einer Zwischennutzung eine nachhaltige Nutzung entstehen und dies wäre ja im Interesse vieler. Kreative Geschäftsideen von Startups stärken nämlich den Stadtteil und machen ihn attraktiver.
Dabei steht der Umsatz nicht so sehr im Mittelpunkt. „Es geht um das Experimentelle, die Suche nach neuen Formen, um Orte zu aktivieren“, erzählt Pardylla. Dabei fügt Marie Schröter hinzu: „Besucher wünschen sich den kommerziellen Gegenpol“. Laut Pardylla sind viele kleine Läden fast ausgestorben, da man im Internet fast alles kaufen kann: „Wenn man es schafft erfolgreich zu sein, dann schafft man es auch gegen das Internet anzukommen, denn die Leute sehnen sich nach Beratung und Qualität.“

Deshalb wollen die beiden Designerinnen vielen Menschen die verschiedenen Ideen der Zwischennutzung näher bringen und gemeinsam versuchen mit den Anwohnern und Interessierten, Gedanken und Wünsche zu erarbeiten. Dabei ist der Dialog für sie sehr wichtig. Dies geschieht indem die Menschen vorbei kommen, sich äußern, Leerstände und Bilder aufzeigen, Fundstücke mitbringen und Geschichten erzählen.
An dem Projekt sollen sich alle beteiligen können und somit zu einem Teil des Projektprozesses werden. Also haben die beiden eine Karte von der Braunschweiger Innenstadt an die Wand gehängt. Mit Hilfe von Pins kann jeder entdeckte Leerstände, Wünsche und Geschichten verorten und auf einem Formular schriftlich festhalten.

Während der Projektzeit gab es verschiedene Aktionen wie den Tausch-o-maten, die Kleiderspende oder auch eine gemeinsame Erkundung des Kultviertels mit Kindern, die anschließend ihre Gedanken auf Bildern malerisch festhielten.

Die größte Projektaktion war aber der Tag der Sitzgelegenheit, der eine Woche vor dem Projektende stattfand. Die beiden Designerinnen wollten aus der hektischen Durchgangsstraße eine Straße des Verweilens machen. Vor dem Laden stellten sie Sitzgelegenheiten bereit und haben zum Picknicken, Musizieren, sich schminken lassen und zum Gedankenaustausch eingeladen. Es entstand eine belebte Straße, deren Heiterkeit sogar das unerwartete Klientel aus den gegenüberliegenden Kneipen und Spielotheken anlockte. „Man hat gesehen wie sich das Straßenbild verändert hat, Busse und Straßenbahn sind im Schneckentempo gefahren. Leute auf den Fahrrädern haben angehalten, sind abgestiegen und haben sich dazu gestellt. Es war eine ganz andere Atmosphäre“, sagt Pardylla.

Dadurch wird für Marie Schröter der Laden nicht mehr zu einem Ort an dem man sich nur aufhält, um zu konsumieren, sondern zu einem Ort des Austausches und des Musizierens außerhalb der kommerziellen Zwänge. Für sie ist es somit ein Schritt zurück zu den Wurzeln. „Wir haben gelernt, dass es viel bringt etwas positiv vorzuleben, man kann ja viel erzählen. Aber wenn man es einfach macht und zeigt, dass es funktionieren könnte, dann würden sich Dynamiken entwickeln, so Pardylla.

Mittlerweile ist zwar das Projekt „Mein Laden“ beendet, doch für die beiden hat Braunschweig viele Gesichter, es ist noch nicht gesättigt an innovativen Ideen und lässt viel Raum für Individuelles.


Ihr Plädoyer:„Don´t forget to play./ What´s stopping you?/ If you are waiting for a sign, this is it./ Do all things with love/ YOU./ If not now, then when?/ Think outside the box!“#

 

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